| Ich schaue auf die Uhr: 1,oo Uhr nachts. Alles schläft. |
Ich schlage
die Augen auf. Ich kann nicht schlafen. Mal wieder.
Zu sehr
haben mich die Aphorismen Schopenhauers, vielmehr aber der heutige Tag
innerlich aufgewühlt. Gedanke um Gedanke streicht an mir vorüber und lässt mich
keine Ruhe finden.
Fast wie
ferngesteuert taste ich mich zu meinem Fenster und öffne die Läden. Angenehm warme Nachtluft strömt herein. Keine Ahnung, wie es dazu kam, aber mit einem Satz
befinde ich mich auf meinem Schreibtisch und mit einem zweiten auf dem
Fenstersims. Ich blicke in den Nachthimmel.
Vorsichtig
ertasten meine Füße die Dachschindeln vor meinem Fenster und ich lasse mich
langsam vom Sims gleiten und schließe die Läden hinter mir. Jetzt bin ich ganz
allein. Nein, kein vernünftig denkender Mensch käme zu dieser Uhrzeit darauf, auf das
leicht abfallende Vordach seines Zimmers zu klettern. Ich schon.
| Die Arbeit erfordert oft Geduld und Disziplin... |
| ... aber auch Menschenliebe und Nähe. |
Es ist nicht
so dunkel, wie ich es erwartet habe, ganz deutlich erkenne ich die Umrisse der hiesigen
Kapelle und des „formica“ Hauses, meines Arbeitsplatzes. Das ist also mein
jetziges Zuhause… Trotz dass ich mittlerweile schon fast 1 Monate hier wohne,
kann ich es noch gar nicht so richtig glauben. Schon jetzt verbinde ich mit
dieser grünen Oase mitten in Italien mehr, als ich zu formulieren vermag. Dabei
geht es mir nicht zwangsläufig darum, wie wunderschön Bologna und ihre Umgebung
ist, auch nicht, wie viele Möglichkeiten ich habe, mich zu betätigen, sondern
vielmehr wie ich behandelt werde.
| Der Fokus liegt darauf, die persönlichen Interessen der "members" zu fördern. |
| In der Arche wird sehr darauf geachtet, den Menschen einen ganz normalen Alltag, mit seinen Rechten & Pflichten, zu bieten. |
Vorsichtig
lasse ich meine Füße nach vorne gleiten, immer mit dem Bedenken, dass eine
dieser rotbraunen Schindeln abkrachen und mit lautem Scheppern die Bewohner aus
dem Schlaf reißen könnte. Jetzt blicke ich in den klaren Sternenhimmel.
Natürlich gab es schon den ein oder anderen Moment, an dem ich mich nach Hause
gesehnt habe, aber die Rücksichtnahme und Herzlichkeit, die uns
entgegengebracht wird, lässt mich weniger das Gefühl haben, hier zu arbeiten,
als vielmehr hier beisammen zu leben.
Da fällt mir
zum Beispiel Milio* ein, der mir bei unserem ersten Abendessen erklärte, er
habe extra eine „candula“ (Kerze) entflammt, weil wir Licht in die Arca
brächten. Oder Betramo*, der uns jeden Abend das Gesicht tätschelt und uns
einen Gute-Nacht-Kuss auf die Wange drückt. Auch dass ich von Jean regelmäßig
als „pombelotto“ (Dickerchen) bezeichnet werde, nehme ich als eine Umgangsform
wahr, die von einer ganz anderen Mentalität geprägt ist, als ich sie kenne.
| Dadurch, dass so viele Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen zusammen- leben, ist jeder Tag ein neues Abenteuer. |
| Internationale Teestunde- Freiwillige aus Portugal, Italien & Deutschland |
Ein leichter
Wind streicht mir über das Gesicht, eine leichte Gänsehaut überzieht mich. Kein
Wunder, viel mehr als ein Shirt und eine Boxershort benötige ich in der Nacht
normalerweise nicht. Doch an Schlaf ist jetzt nicht zu denken. Viel zu tief
habe ich mich in meine Erinnerungen eingegraben und suche nach der Antwort auf
die Frage, was ich bzw. der Mensch per se noch zum Leben bräuchte. Auf
Postkarten schreiben wir regelmäßig „Das Wetter ist toll.“, „Das Essen schmeckt
klasse.“ und „Stadt abc ist wunderschön.“. Auch auf mich treffen jene Sätze zu,
doch sind sie der Grund, warum ich, vollkommen ohne weitere Bedürfnisse auf
diesem rauen Schindeldach liegen darf? Nach und nach wird mir bewusst, dass ich
es nicht als Ziel meines Aufenthaltes sehe, so viele Städte wie möglich zu
sehen, massenhaft Delikatessen
wie möglich in mich hineinzustopfen oder mit dem sonnigen Wetter vor meinen Freunden angeben zu können. Nein, das Ziel meiner Reise war und ist , die anderen zu entdecken und mich selbst zu finden. Zufrieden lächle ich in die Nacht hinein.
wie möglich in mich hineinzustopfen oder mit dem sonnigen Wetter vor meinen Freunden angeben zu können. Nein, das Ziel meiner Reise war und ist , die anderen zu entdecken und mich selbst zu finden. Zufrieden lächle ich in die Nacht hinein.
Plötzlich
erstarre ich. Da läuft doch jemand über den Hof , oder? Mein Atem stockt. Jetzt
bloß nicht bewegen, wenn er oder sie dich in der Dunkelheit auf dem Dach liegen
sieht, könnte das nicht auszumalende Probleme auslösen. Die Person hält kurz
an. Mein Herz rast. Dann läuft sie weiter.
Einen kleinen Moment bleibe ich noch liegen und
genieße diesen intensiven Moment. Dann klappe ich die Fensterläden wieder zur
Seite, klettere zurück in mein Zimmer und lasse mich aufs Bett fallen. Als ich
meine Augen erneut öffne, ist es bereits wieder hell. Ein neuer Tag beginnt.
Was für eine Nacht!
* Namen wurden aus personenrechtlichen Gründen geringfügig verändert.
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