Sonntag, 5. Oktober 2014

Eine Einsicht am Sternenhimmel

Ich schaue auf die Uhr: 1,oo Uhr nachts. Alles schläft.
Ich schlage die Augen auf. Ich kann nicht schlafen. Mal wieder.
Zu sehr haben mich die Aphorismen Schopenhauers, vielmehr aber der heutige Tag innerlich aufgewühlt. Gedanke um Gedanke streicht an mir vorüber und lässt mich keine Ruhe finden. 
Fast wie ferngesteuert taste ich mich zu meinem Fenster und öffne die Läden. Angenehm warme Nachtluft strömt herein. Keine Ahnung, wie es dazu kam, aber mit einem Satz befinde ich mich auf meinem Schreibtisch und mit einem zweiten auf dem Fenstersims. Ich blicke in den Nachthimmel.
Vorsichtig ertasten meine Füße die Dachschindeln vor meinem Fenster und ich lasse mich langsam vom Sims gleiten und schließe die Läden hinter mir. Jetzt bin ich ganz allein. Nein, kein vernünftig denkender Mensch käme zu dieser Uhrzeit darauf, auf das leicht abfallende Vordach seines Zimmers zu klettern. Ich schon.
Die Arbeit erfordert oft Geduld
und Disziplin...
... aber auch Menschenliebe und Nähe.
Es ist nicht so dunkel, wie ich es erwartet habe, ganz deutlich erkenne ich die Umrisse der hiesigen Kapelle und des „formica“ Hauses, meines Arbeitsplatzes. Das ist also mein jetziges Zuhause… Trotz dass ich mittlerweile schon fast 1 Monate hier wohne, kann ich es noch gar nicht so richtig glauben. Schon jetzt verbinde ich mit dieser grünen Oase mitten in Italien mehr, als ich zu formulieren vermag. Dabei geht es mir nicht zwangsläufig darum, wie wunderschön Bologna und ihre Umgebung ist, auch nicht, wie viele Möglichkeiten ich habe, mich zu betätigen, sondern vielmehr wie ich behandelt werde.
Der Fokus liegt darauf, die persönlichen
Interessen der "members" zu fördern.
In der Arche wird sehr darauf geachtet,
den Menschen einen ganz normalen Alltag,
mit seinen Rechten & Pflichten, zu bieten
Vorsichtig lasse ich meine Füße nach vorne gleiten, immer mit dem Bedenken, dass eine dieser rotbraunen Schindeln abkrachen und mit lautem Scheppern die Bewohner aus dem Schlaf reißen könnte. Jetzt blicke ich in den klaren Sternenhimmel. Natürlich gab es schon den ein oder anderen Moment, an dem ich mich nach Hause gesehnt habe, aber die Rücksichtnahme und Herzlichkeit, die uns entgegengebracht wird, lässt mich weniger das Gefühl haben, hier zu arbeiten, als vielmehr hier beisammen zu leben.

Da fällt mir zum Beispiel Milio* ein, der mir bei unserem ersten Abendessen erklärte, er habe extra eine „candula“ (Kerze) entflammt, weil wir Licht in die Arca brächten. Oder Betramo*, der uns jeden Abend das Gesicht tätschelt und uns einen Gute-Nacht-Kuss auf die Wange drückt. Auch dass ich von Jean regelmäßig als „pombelotto“ (Dickerchen) bezeichnet werde, nehme ich als eine Umgangsform wahr, die von einer ganz anderen Mentalität geprägt ist, als ich sie kenne.
Dadurch, dass so viele Menschen mit
unterschiedlichen Bedürfnissen zusammen-
leben, ist jeder Tag ein neues Abenteuer.
Internationale Teestunde-
Freiwillige aus Portugal, Italien & Deutschland
Ein leichter Wind streicht mir über das Gesicht, eine leichte Gänsehaut überzieht mich. Kein Wunder, viel mehr als ein Shirt und eine Boxershort benötige ich in der Nacht normalerweise nicht. Doch an Schlaf ist jetzt nicht zu denken. Viel zu tief habe ich mich in meine Erinnerungen eingegraben und suche nach der Antwort auf die Frage, was ich bzw. der Mensch per se noch zum Leben bräuchte. Auf Postkarten schreiben wir regelmäßig „Das Wetter ist toll.“, „Das Essen schmeckt klasse.“ und „Stadt abc ist wunderschön.“. Auch auf mich treffen jene Sätze zu, doch sind sie der Grund, warum ich, vollkommen ohne weitere Bedürfnisse auf diesem rauen Schindeldach liegen darf? Nach und nach wird mir bewusst, dass ich es nicht als Ziel meines Aufenthaltes sehe, so viele Städte wie möglich zu sehen, massenhaft Delikatessen
wie möglich in mich hineinzustopfen oder mit dem sonnigen Wetter vor meinen Freunden angeben zu können. Nein, das Ziel meiner Reise war und ist , die anderen zu entdecken und mich selbst zu finden. Zufrieden lächle ich in die Nacht hinein.
Plötzlich erstarre ich. Da läuft doch jemand über den Hof, oder? Mein Atem stockt. Jetzt bloß nicht bewegen, wenn er oder sie dich in der Dunkelheit auf dem Dach liegen sieht, könnte das nicht auszumalende Probleme auslösen. Die Person hält kurz an. Mein Herz rast. Dann läuft sie weiter.
Einen kleinen Moment bleibe ich noch liegen und genieße diesen intensiven Moment. Dann klappe ich die Fensterläden wieder zur Seite, klettere zurück in mein Zimmer und lasse mich aufs Bett fallen. Als ich meine Augen erneut öffne, ist es bereits wieder hell. Ein neuer Tag beginnt. Was für eine Nacht!

1 Kommentar:

  1. * Namen wurden aus personenrechtlichen Gründen geringfügig verändert.

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